Sexuelle Übergriffe in Weißenfelser Kaserne seit einem Jahr bekannt

Die Mitte Oktober publik gewordenen Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens gegen Soldaten im Sanitätsregiment 1 der Sachsen-Anhalt-Kaserne von Weißenfels sind der Bundeswehr offenbar in Teilen seit mindestens einem Jahr bekannt. Das ergibt sich aus Recherchen des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“. Demnach sind beim Wehrbeauftragten des Bundestages und im Verteidigungsministerium im Laufe der letzten zwölf Monate fünf einschlägige Hinweise eingegangen. Sie wurden allerdings als nicht so gravierend betrachtet wie jene Hinweise, die schließlich zu intensiven internen Ermittlungen und entsprechenden Durchsuchungen führten.
Gegen einen der aktuell Beschuldigten wurde laut RND zudem bereits vor etwa einem Jahr ermittelt. Der Soldat soll Frauen in mehreren Fällen bedrängt, gegen ihren Willen geküsst und ans Gesäß gefasst haben. Das Verfahren wurde nach RND-Informationen Anfang dieses Jahres gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt. In den jetzt laufenden Ermittlungen gilt der Soldat erneut als Beschuldigter. Das Verteidigungsministerium ließ konkrete Nachfragen zu dem Fall unbeantwortet.
Gegenüber dem RND schilderten mehrere Personen mutmaßliche Vorfälle sexuellen Fehlverhaltens aus dem vergangenen Jahr. So soll ein Ausbilder eine Rekrutin in der Grundausbildung einbestellt und ihr unter anderem den Befehl erteilt haben, die Stiefel in gebückter Position neu zu binden. Der Vorgesetzte habe keine Distanz gehalten. Der Kopf der Rekrutin sei in unmittelbarer Nähe zu seinem Schritt gewesen. Wenn sie sich weigere, lasse er sie wegen „charakterlicher Nichteignung“ durchfallen, soll er gedroht haben. Ein anderer Vorgesetzter habe unaufgefordert ein explizites Foto von seinem Intimbereich geschickt.
Die Betroffenen waren nach RND-Informationen junge Rekrutinnen in der Grundausbildung. Betroffene, die sich an die Kompanieführung wandten, sollen von dort ohne Prüfung ihrer Vorwürfe weggeschickt worden sein. Die Bundeswehr ermittelt auch wegen der Unterdrückung von Beschwerden.
Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums sagte auf RND-Anfrage, dass das Ministerium etwaige Vorwürfe gegen Vorgesetzte stets sehr ernst nehme und konsequent aufkläre. Mit Bezug auf die eingegangenen Meldungen wies sie darauf hin, dass es sich um Verdachtsmomente handle, die „weder bestätigt noch vollständig“ seien.
Das Verteidigungsministerium hatte Mitte Oktober nach einschlägigen Hinweisen und auf Nachfrage des RND eingeräumt, in Weißenfels sei ein Klima geschaffen worden, „das Dienstvergehen, Grenzüberschreitungen und sexualisiertes Fehlverhalten offenbar begünstigt“ habe. Gegen fünf Beschuldigte ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft in Naumburg.
dts Nachrichtenagentur
Foto: Bundeswehr-Soldat (Archiv), via dts Nachrichtenagentur
Quelle: dts-nachrichtenagentur.de